Elias wartet darauf, dass ein deutscher Beamter sein Christsein beurteilt.

Im Iran konvertierte er heimlich vom Islam. Er hatte Angst, weil er erfahren hat, dass andere Konvertiten verhaftet und geschlagen, einige sogar getötet worden waren. Darüber hinaus hat er von Konvertiten gehört, die in Deutschland Asyl fanden. Er träumte davon, dorthin gehen und öffentlich getauft werden zu können. Er könnte im Freien anbeten, ein neues Leben beginnen und einer Kirche beitreten, frei von der Angst vor Repressalien aufgrund seines neu entdeckten Glaubens.

Und so floh er nach Deutschland. Als er dort ankam, stellte er einen Asylantrag. Jetzt wartet Elias (ein Pseudonym) darauf, dass das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) über seinen Fall entscheidet. Er ist bei Weitem nicht der Einzige.

Laut einem Bericht von Open Doors aus dem Jahr 2019, suchen zwischen 20.000 und 40.000 Flüchtlingen auf der Grundlage religiöser Verfolgung, die sie aufgrund ihres Konvertierens zum Christentum erleiden, Asyl in Deutschland. Inmitten scharfer, nationaler Debatten in Bezug auf die Anti-Flüchtlings-Stimmung, Religionskompetenz und Religionsfreiheit, haben eine Reihe evangelikaler Leiter Änderungen im Prozess der offiziellen Bewertung der Bekehrung von Flüchtlingen gefordert.

Derzeit beurteilt das BAMF die Aufrichtigkeit der Bekehrung und die Schwere potenzieller Bedrohungen für das Leben von Asylbewerbern. Es fehlen jedoch explizite Standards, klare Kriterien oder Präzedenzfälle für diese Prüfungen. Und: Das BAMF gewährt Asyl in verschiedenen Teilen des Landes zu erheblich unterschiedlichen Ansätzen.

“Es ist wie eine Lotterie”, sagte Gottfried Martens, Pastor einer lutherischen Kirche, die mit der Missouri-Synode im Berliner Stadtteil Steglitz verbunden ist. Martens kümmert sich in seiner Kirche um mehr als 1.000 getaufte iranische, afghanische und pakistanische Christen und unterrichtet derzeit Hunderte weitere in Vorbereitung auf die Taufe.

“Wenn Sie in Potsdam sind, haben Sie eine bessere Chance als in Berlin”, sagte er. „In Berlin haben Sie eine bessere Chance als in Düsseldorf. In Hessen ist Ihnen der Schutz fast garantiert. Es kommt nur darauf an, auf welche Person Sie treffen.“

Martens möchte, dass der Prozess einheitlicher gestaltet wird. Gemeinsam mit der Deutschen Evangelischen Allianz und Open Doors, fordert er eine Vereinheitlichung des Prüfungsverfahrens und eine engere Zusammenarbeit zwischen Regierung und religiösen Autoritäten. Die christlichen Gruppen sind Teil einer vielfältigen Koalition, die Veränderungen fordert, darunter konservative und liberale Politiker, die Bahá‘í-Gemeinschaft, die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte, die Konrad-Adenauer-Stiftung und Ahmadi-Muslime (die in Pakistan verfolgt wurden).

Auch andere Länder hatten Probleme mit Asylsuchenden. Im Vereinigten Königreich gab es 2016 zahlreiche Berichte mehrerer Asylsuchender, die, als Bestandteil des Antragsprozesses, zu Kenntnissen aus der Bibel befragt wurden. In jüngerer Zeit verurteilte der Europäische Gerichtshof die Behandlung von Asylbewerbern durch Ungarn. Einige Migranten wurden in Lagern an der Grenze unter gefängnisähnlichen Bedingungen festgehalten, seit ihnen 2018 der religiöse oder politische Flüchtlingsstatus verweigert wurde. Ungarn muss nun die Asylanträge dieser Migranten überdenken.

“Die Angelegenheit ist für Deutschland von großer Bedeutung”, sagte Volker Kauder, eine Führungskraft der Christlich-Demokratischen Union und Evangelikaler, der einst als rechte Hand von Bundeskanzlerin Angela Merkel bekannt war. “Religionsfreiheit ist der Lackmustest für Menschenrechte.”

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Einige Evangelikale möchten, dass Pastoren mehr Einfluss auf die Beurteilung der Bekehrungen haben. Markus Rode, Leiter von Open Doors Deutschland, argumentiert, dass Richter möglicherweise nicht über die religiösen Kompetenzen verfügen, die zur Bewertung der spirituellen Transformation erforderlich sind.

„Der Wechsel des Glaubens an Jesus Christus ist ein spiritueller Prozess. Und als solches kann er nur von Menschen beurteilt werden, die selbst Jesus Christus im Glauben angenommen haben“, sagte Rode.

Reinhardt Schink, Generalsekretär der Deutschen Evangelischen Allianz, sagte, Richter sollten zumindest Pastoren als Sachverständige hinzuziehen.

“Menschen, die oft keine Gläubigen sind, meinen, dass sie die Überzeugungen eines anderen innerhalb einer halben Stunde beurteilen können”, sagte er. “Das ist absolut lächerlich.”

Skeptiker sagen, dass die Bekehrung ein einfacher Weg zum Asyl sein kann. Aber Martens — der praktische Erfahrungen mit Tausenden von konvertierten Flüchtlingen hat — ist anderer Meinung. Der Prozess ist intim und gründlich. Während er zugibt, dass es Menschen geben kann, die versuchen, das System zu betrügen, unterzieht Martens jeden Konvertiten vor der Taufe einer intensiven Prüfung.

“Dreißig Prozent von ihnen scheitern”, sagte Martens. „Wir taufen sie nicht nur einfach und rufen ’Halleluja!’ Wir überprüfen sie tatsächlich.“

Nach Angaben des BAMF erkennen die Beamten die Taufe jedoch bereits als ausreichenden Bekehrungsnachweis an. Sprecher Christoph Dieter sagte, die Frage beziehe sich auf “die Ernsthaftigkeit des Engagements für den neuen Glauben” und das Potenzial der “Verfolgung aufgrund eines Glaubenswechsels im Heimatland”.

Häufig kommt das BAMF zu dem Schluss, dass Verfolgung kein wirkliches Problem darstellt. Eine Open Doors-Studie ergab, dass etwa 25 Prozent der Asylanträge von Konvertiten abgelehnt wurden. Konvertierungen in charismatische Kirchen wurden, mit 48% an Abweisungen, bezeichnenderweise deutlich häufiger abgelehnt.

Kauder, der seit 1990 im Parlament tätig ist, sagte, dass BAMF-Beamte die Angelegenheit komplizierter erscheinen lassen, als sie wirklich ist. “Sobald jemand dem Islam abgesagt hat, unabhängig davon, ob er authentisch zum Christentum konvertiert ist oder nicht, kann er wegen Abfall vom Glauben strafrechtlich verfolgt werden”, sagte er. “Wenn es um politische Verfolgung geht, kümmern sich diejenigen, die verfolgen, nicht um die Echtheit einer Bekehrung.”

Der Abfall vom Glauben ist ein Kapitalverbrechen in Afghanistan, Brunei, Mauretanien, Katar, Saudi-Arabien, Sudan, den Vereinigten Arabischen Emiraten und im Jemen. In einigen anderen Ländern, einschließlich Iran und Jordanien, ist es formal nicht illegal, den Islam abzulehnen, aber religiöse Gesetze können verwendet werden, um Menschen wegen Abtrünnigkeit zu verfolgen.

Es gibt nur eine Handvoll Fälle, in denen der Abfall vom Glauben zu einer staatlich sanktionierten Hinrichtung führte. Mohammad Fadel, Rechtsprofessor an der Universität von Toronto, sagte jedoch, formale Rechtssysteme seien in dieser Angelegenheit weniger wichtig als „Sozialgesetze“. In vielen Ländern werden Strafen willkürlich verhängt.

Der Abfall vom Glauben wird als schwerwiegende Straftat angesehen — gesetzlich oder sozialrechtlich — da von Konvertiten angenommen wird, dass sie „auf die Bindungen verzichten, die die gesamte muslimische Gemeinschaft aufrechterhalten“, sagte Fadel. Viele Muslime glauben auch, dass der Islam vor dem Christentum geschützt werden muss, erklärte er, welches mit dem kolonialen Europa und der westlichen Militärmacht identifiziert wird. Aus diesem Grund: “Wenn jemand dem Islam entsagt, wird das Leben für diese Person auf die eine oder andere Weise unangenehm.”

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Der Menschenrechtsanwalt Farahnaz Ispahani, der von 2008 bis 2012 im pakistanischen Parlament tätig war, stimmte zu. Christlich Konvertierte sehen sich in Ländern wie Pakistan, Saudi-Arabien, Iran und Afghanistan — wo „tief verwurzelte“ Vorurteile die Menschen lehren, Christen zu fürchten — „Gewalt und Tod durch den Mob“ gegenübergestellt.

“Unabhängig davon, ob diese Länder formelle Gesetze gegen den Abfall vom Glauben haben oder nicht, ist die Selbstjustiz weit verbreitet”, sagte Ispahani. „Es ist sehr schwer auseinanderzuhalten, warum verbale oder körperliche Gewalt ausgeübt wird. Die bloße Behauptung reicht aus, um das Leben eines Menschen zu zerstören.“

Dies ist Elias’ Situation. Und das will er dem BAMF mitteilen, wenn er vor dem Regierungsbeamten steht.

“Meine Familie wird mich nicht mehr akzeptieren”, sagte er. „Weder meine Freunde, noch mein Land. Niemand.”

Seine einzige Hoffnung, glaubt er, ist das Asyl in Deutschland.

Doch während Elias sich auf sein Gespräch vorbereitet, in dem er über seine Religion, seine Bekehrung und seine Entscheidung zur Flucht befragt wird, befürchtet er, dass ihm nicht geglaubt wird. In Deutschland gibt es einen weit verbreiteten Widerstand gegen Asylsuchende, eine wachsende Stimmung gegen Flüchtlinge und die Angst, dass Muslime die deutsche Kultur zerstören werden.

“Ich habe wesentlich mehr Angst vor meiner Regierung zu Hause, aber die Regierung hier macht mich ebenfalls nervös”, sagte Elias. “Zu Hause bin ich ein Feind, doch als solcher werde ich auch hier betrachtet.”

Er ist besorgt. Zurecht. Ein Bericht der SETA-Stiftung für politische, wirtschaftliche und soziale Forschung aus dem Jahr 2018 belegt, dass Asylsuchende zunehmend als „wirtschaftliche Trittbrettfahrer“ und/oder existenzielle „Bedrohungen“ angesehen werden.

“Man glaubt, dass sie das Christentum nur deshalb in Anspruch nehmen, um hier Asyl zu bekommen und dann wieder Muslime werden”, sagte Martens.

Laut Open Doors verschlechtert sich die Situation. Bis Juli 2017 wurde die Bekehrung als allgemein ausreichender Asylgrund anerkannt. Die Quote variiert je nach Staat, doch etwa 75 Prozent der Konvertiten erhielten Asyl. Jetzt ist die Quote auf etwa 30 Prozent gesunken, sowohl an Orten mit vielen konvertierten Flüchtlingen, wie Baden-Württemberg, als auch an Orten mit nur wenigen, wie Bremen und Hamburg.

“Immer mehr christlichen Konvertiten wird die Echtheit ihres Glaubenswechsels aberkannt“, sagte Rode, „und immer mehr zu Lügnern und Betrügern erklärt.“

Aufgrund ihrer Ansprüche, können die abgelehnten Personen jedoch Berufung einlegen. In der ersten Hälfte des Jahres 2019 hoben deutsche Gerichte rund 40 Prozent der Abschiebungsanordnungen auf und unterstützten den Chor religiöser und humanitärer Stimmen, die Veränderungen forderten. Es ist jedoch nicht klar, ob deutsche Evangelikale das politische Durchsetzungsvermögen haben, um dies ebenfalls zu erreichen.

In der Zwischenzeit wartet Elias.

“Ich habe keine Ahnung, wie in meiner Situation entschieden wird”, sagte er. „Aber ich vertraue auf Jesus. In seinem Königreich wird mein Schutz nicht in Frage gestellt. Er ist immer und bis ganz zum Ende bei mir.“

Ken Chitwood ist ein in Deutschland lebender Schriftsteller und Gelehrter der globalen Religion.

Übersetzt von Andrea Veltkamp

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