Der folgende Text gibt die Geschehnisse eines eilig einberufenen Online-Gebetstreffens der Gruppe Lausanne Europe am Donnerstag wider.

Angela Tkachenko:

Meine Mutter kam mitten in der Nacht in mein Zimmer. „Der Krieg hat begonnen”, sagte sie.

Ich lebe in Sumy, einer ukrainischen Stadt mit 250.000 Einwohnern nahe der russischen Grenze. Vor einer Woche bestand mein Mann darauf, dass ich unsere Kinder und meine Mutter an einen sicheren Ort bringe. Wir haben es bis in die Vereinigten Staaten von Amerika geschafft. Er ist zurückgeblieben.

Am Donnerstag brach bei mir Panik aus. Was geschieht dort in Sumy? Wo ist mein Mann? Ist er sicher? Als ich ihn endlich erreichte, berichtete er mir, dass er am Morgen durch das Geräusch einschlagender Bomben geweckt worden war. Während wir telefonierten, steckte er im Verkehrschaos fest, weil er versuchte, die Stadt zu verlassen. Ich scrollte mich durch die Nachrichten und sah Bilder von langen Schlangen an Tankstellen und Menschen, die in U-Bahn-Stationen übernachteten. Ich las die Anweisung der Regierung, dass Männer zwischen 18 und 60 Jahren das Land nicht mehr verlassen dürfen. Werde ich meinen Mann wiedersehen? Wann? Meine 93-jährige Großmutter ist allein…meine Kollegen…meine Freunde…unser Zuhause.

Ich habe es nur schwer durch den Tag geschafft. Nachmittags habe ich an einem internationalen Gebetstreffen der Lausanner Bewegung anlässlich der Invasion teilgenommen. Als der Moderator mich fragte, wie es mir geht, weinte ich. Ich war wütend. Ich fühlte mich betrogen, zerbrochen und von Russland mit Füßen getreten. Ich sagte allen, dass ich Angst um meinen Mann und um meine Freunde in Kiew habe, die genau in diesem Moment darüber beteten, ob sie die Stadt verlassen sollten.

Dann fragte der Moderator in die Runde, ob jemand für mich beten könne. Mein Freund Alexey meldete sich. Mein russischer Freund Alexey.

Alexey S.:

Ich erwachte am Donnerstagmorgen und war erschrocken darüber, dass mein Land damit begonnen hatte, die Ukraine einzunehmen. Ich reiste nach Moskau für einen Kircheneinsatz, war mehr als 2.000 Meilen entfernt von meiner Familie in Novosibirsk in Sibirien. Es war ein kalter Morgen und ich schaute stumm die Nachrichten, nicht fähig, mein Frühstück zu essen. Mich überkam ein Gefühl der Schande darüber, dass mein Land einen Krieg gegen ein anderes begonnen hat – ein Land, das ich nicht weniger als vier oder fünf Mal besucht hatte. Ich bekam Angst um die Zukunft der Welt und litt mit meinen ukrainischen Brüdern und Schwestern, für die die Folgen dieser Politik leben oder sterben bedeuten würden.

Ich bin geboren und aufgewachsen im sibirischen Teil der Sowjet-Union. Nach dem Zusammenbruch der UDSSR wurde ich mit 23 Jahren Christ, nachdem ich gehört hatte, wie jemand das Evangelium im Rehazentrum meiner Mutter predigte. Für mich bedeutete, zum Glauben an Jesus Christus zu finden, mehr, als nur anzunehmen, dass ich Gottes Kind bin. Mir wurde bewusst, dass ich Brüder und Schwestern auf der ganzen Welt habe. Eine davon ist meine ukrainische Freundin Angela.

Ich traf Angela vor sieben Jahren bei einer Lausanne-Konferenz in Jakarta. Ich war beeindruckt davon, mit wieviel Herz sie das Evangelium predigte. Eine ihrer Initiativen mobilisierte Teams, die in ukrainischen Nachtclubs Gespräche mit Gästen über den Glauben führten – Menschen, die nie in eine Kirche gehen würden! Wir sind mit der Zeit gute Freunde geworden und haben uns seitdem gegenseitig bei unseren Projekten unterstützt. Im Jahr 2018 brachte Angela ein Team nach Moskau, das während der Fußballweltmeisterschaft in den Straßen evangelisierte. Diese Erinnerungen kamen zurück, als ich die Nachrichten schaute.

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Später an diesem Tag nahm ich an jenem Gebetstreffen der Lausanner Bewegung teil und war dankbar zu sehen, dass Angela auch dabei war. Zugleich war es herzzerreißend zu hören, was sie und andere Ukrainer gerade durchmachen. Ich fühlte mich schrecklich, weil mein Land ihr so viel Leid beschert. Als der Moderator dann fragte, wer für sie beten könnte, meldete ich mich und begann, mit Gott zu sprechen. Ich weinte dabei.

Angela:

Ich habe meine russischen Freunde immer geliebt. Und das, obwohl es zur Zeit meiner Jugend gar keinen Unterschied zwischen Russen und Ukrainern gab. Wir waren alle eine Nation mit dem Namen „Sowjetunion”. Als Kind bin ich oft mit dem Zug um 17 Uhr in Sumy losgefahren und war um 11 Uhr am nächsten Tag in Moskau, wo meine Tanten und Cousinen bis heute leben. Doch mit der Zeit änderten sich die Dinge. Im Jahr 2014, nachdem Russland die Krim annektiert hatte, wurde mir klar: Die Russen sehen die Lage ganz anders als ich. Nur wenige blickten so auf die Welt wie ich. Manche machten sich sogar über mich lustig.

2018 besuchte ich Moskau für einen Evangelisationseinsatz während der Fußball-WM. Drei Wochen lang standen wir auf dem Roten Platz, teilten das Evangelium mit den Russen und beteten mit ihnen und all den Besuchern aus der ganzen Welt. Zehn Monate später schrieben sich ganze 150 Teams aus Russland für die Mitwirkung bei einem weltweiten Evangelisationstag meiner Missionsorganisation ein. Viele von ihnen sagten uns danach, dass sie sich zuvor nicht getraut hatten, öffentlich zu predigen. Dass sie uns dabei gesehen hatten, war für sie eine Inspiration. Ich war tief bewegt von dem Mut und der Tapferkeit unserer Brüder und Schwestern in Russland.

Im letzten Herbst fragte Alexey mich am Telefon, was meine Träume für die nächste Generation seien und wie ich sie für Gott erreichen wolle. Ich sagte ihm, dass ich Partner für fünf Missionsinitiativen in Russland suchte. Alexey bot an, mir zu helfen und teilte seine Träume mit mir. Er wollte Missionare unserer beiden Länder zusammenbringen, um gemeinsam zu beten und sich bei einer Tasse Tee besser kennenzulernen. Ich erinnere mich noch daran, wie ich dachte: „Das ist die Art von Leiter, dem ich folgen würde, und ich weiß, viele junge Menschen würden es auch tun”.

Als ich nun Alexey mitfühlendes Gebet für mich, meine Familie und mein Land, die Ukraine, hörte, konnte ich meine Tränen nicht zurückhalten. Sein Schmerz war echt. Seine Worte erinnerten mich daran, dass ich Teil einer Familie bin, deren Wurzeln nicht in einer Nation gründen, nicht in Hautfarbe oder Ansehen. Sondern nur in Jesus.

Von allen Menschen, die Gott hätte benutzen können, um mich an diesem Tag zu trösten, suchte er ausgerechnet einen russischen Bruder aus, um mir so ein wenig von seinem Herzen zu offenbaren.

Alexey:

Nachdem ich mein Gebet beendet hatte, bat mich der Moderator darum, allen zu sagen, wie ich mich fühlte. Ich sagte, ich fühle mich schrecklich. Ich schämte mich fürchterlich für die Taten meines Landes.

Ich werde niemals den Blick in den Augen meiner ukrainischen Freundin vergessen. Statt Verdammung sah ich Mitgefühl. Angela sagte, sie wolle auch für mich beten. Sie bat Gott darum, dass er sich Christen in Russland offenbart, die sich machtlos und ängstlich fühlen. Sie betete für Erweckung in Russland und in der Ukraine, eine Sehnsucht, die wir bereits seit Jahren miteinander teilten.

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An dem Tag, als Russland begann, unser Nachbarland einzunehmen, benutzte Gott eine ukrainische Schwester, um mir ein wenig von seiner Gnade zu offenbaren.

Angela:

Der Feind will uns in diesen Tagen auseinanderbringen, indem er Hass und Zwietracht zwischen den Kirchen der Ukraine und Russlands sät. Tatsächlich schmerzt es, wenn ich manche christlichen Führungspersönlichkeiten in Russland sehe, die nicht offen für die Ukraine einstehen. Manche glauben vielleicht, dass sie oder ihre Kinder in Gefahr seien, wenn sie sich öffentlich äußern? Ich weiß, dass Angst und Gefahr real sind und ich versuche, nicht zu richten, denn ich bin nicht Gott. Dennoch schmerzt es.

Aber ich glaube, dass das wichtigste für uns Christen ist, uns daran zu erinnern, dass wir eine Braut sind, ein Leib Christi. Sein Blut ist in unseren Adern und wir sind alle verbunden durch den Heiligen Geist.

Russland bombardiert mein Land und tötet dessen Bürger. Doch mitten in all diesem Schmerz muss der Leib Christi zusammen stehen, zusammen weinen und zusammen beten. Mein Freund Alexey hat mir das klar gemacht.

Alexey:

Brüder und Schwestern in Russland, der Ukraine oder in irgendeinem anderen Land: Wir alle haben einen himmlischen Vater und wir sind alle Teil derselben Familie. Das hier ist kein Krieg zwischen uns. Mich interessieren eure politischen Ansichten nicht und auch nicht eure Theologie. Wenn eine meiner Lieben Schmerzen leidet, dann will ich für sie, dann will ich für euch, da sein.

An meine ukrainischen Freunde im Besonderen: Danke, dass ihr dazu bereit seid, mit mir zu weinen und zu beten. Dafür, dass ihr meine Gefühle der Angst und des Bedauerns annehmt, obwohl ich Russe bin. Das gibt mir die Gewissheit, dass Satan einmal mehr besiegt werden wird und die Kirche Gottes weiterhin für die Liebe Jesu einsteht.

Angela Tkachenko ist Leiterin der Missionsorganisation „Steiger Ukraine”.

Alexey S. lebt in Russland.

Aus dem Amerikanischen von Anna Lutz, PRO.

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